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07.03.2016 18:12 Alter: 2 yrs

Transnational Social Strike Erster März - Berichterstattung Berlin

Für einen europäischen Frühling


In Berlin fand ein Aktionstag gegen Prekarisierung und für bessere Arbeitsbedingungen statt
Ein politischer Stadtspaziergang wollte auf die prekären Arbeitsbedingungen migrantischer Arbeiter aufmerksam machen - der Traum vom Aufstieg in Berlin bleibt für viele von ihnen ein unerfüllbarer.


Trommeln und Transparente auf dem Potsdamer Platz. Passanten und Touristen bleiben irritiert stehen, fotografieren mit ihren Smartphones die bemalten Transparente mit der Aufschrift »Gegen Prekariat und Massenverarmung« und lächeln unsicher beim Anblick der auffallend pink gekleideten Trommelgruppe. »Willkommen in Berlin«, tönt es aus dem Lautsprecher, der in einem Einkaufswagen steht. »Die Stadt der Ein-Euro-Jobs, die Stadt der unbezahlten Jobs, die Stadt der Jobcenter und der Zeitarbeitsfirmen«, heißt es weiter.


Etwa einhundert Menschen versammeln sich an diesem späten Dienstagnachmittag zu einer Demonstration gegen prekäre Arbeits- und Lebensbedingungen vor allem migrantischer Arbeiter, zu der unter anderem die Blockupy Plattform Berlin und die Interventionistische Linke aufriefen.
Einige der Demonstranten tragen Schilder und bemalte Regenschirme mit der Aufschrift »Let’s go and strike together«, lasst uns alle gemeinsam streiken. Denn nicht nur in Berlin wurde gestern demonstriert: Der Aktionstag des sogenannten »Transnational Social Strike« fand in 25 europäischen Städten statt, in denen Protestierende mit »dezentralen und koordinierten Aktionen und Streiks« auf die prekären Arbeitsbedingungen für eine immer breiter werdende Bevölkerungsschicht aufmerksam machten.

Es waren jedoch nicht nur Migranten, die an diesem Tag in Berlin und vielen anderen europäischen Städten auf die Straße gingen. Es waren vielmehr all jene, die nicht die Möglichkeit haben, geschlossen an ihrem Arbeitsplatz zu streiken, da sie beispielsweise lediglich auf Rechnung arbeiten, erwerbslos sind oder keine Papiere haben. Deshalb verlagerten die Protestierenden ihren »Sozialen Streik« auf die Straßen.

Die Aktivisten forderten unter anderem einen Europäischen Mindestlohn und ein europaweites Sozialsystem, das auf dem Aufenthaltsort beruht. »Migrant zu sein bedeutet ausgebeutet zu werden«, sagte Shendi Valenti, selbst Migrantin und Sprecherin der »Berlin Migrant Workers«. »Dabei haben wir keine Instrumente, um uns gegen schlechte Arbeitsbedingungen zu wehren und unsere Rechte einzufordern. Wir haben keine wirkliche Stimme.« Es sei daher an der Zeit, dass sich Migranten, aber auch andere prekarisierte Gruppen, selbst organisieren und zusammenzuschließen, um am Ende einen kraftvollen sozialen Streik als politisches Instrument zu etablieren.

Dieser 1. März sollte ein Experiment sein, von dem die Aktivisten sich einen Zusammenschluss aller prekär Beschäftigten in Europa erhofften, um künftig gemeinsam einen Prozess in Gang zu bringen, in dem sich die Arbeits- und Lebensbedingungen benachteiligter Gruppen verbessern lassen. »Noch sind wir keine Massenbewegung«, sagt Martin Schmalzbauer, Veranstalter der Demo in Berlin. »Doch es ist ein Anfang.«

Erster Anlaufpunkt der Demo ist die sogenannte »Mall of Shame«, eigentlich »Mall of Berlin«, dem Einkaufszentrum am Leipziger Platz, das schon 2014 in Verruf geraten war, als Subunternehmen rumänische Leiharbeiter, die für den Bau beschäftigt wurden, nie bezahlt hatte.

Von der Leipziger Straße ziehen die Demonstranten über die Wilhelmstraße zum Oranienplatz in Kreuzberg, wo die Demo gegen 19 Uhr mit einer offenen Veranstaltung des Streikbündnisses endet.

Berlin hat den Ruf einer jeden großen Metropole: Modern, weltoffen und mit unendlichen Möglichkeiten. Doch der Schein trügt, meint Valenti. »Viele erhoffen sich in Berlin den großen Aufstieg.« Doch der Traum des schönen Großstadtlebens sei meist nur eine Illusion, da Migranten oftmals auch dort nur unter prekären und ausbeuterischen Bedingungen Arbeit finden könnten. »Letztendlich tragen wir unsere Prekarität immer mit uns.«


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