Interventionistische Linke Bielefeld

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Meinung ist Meinung

An dieser Stelle veröffentlichen wir Meinungsbeiträge, die nicht die Meinung der il Bielefeld widerspiegeln.

Die Beiträge werden von Autor*innen mit einem selbstgewählten Synonym veröffentlicht.

Ich Wir ...

Nait

Spätestens seit dem 18.03.2015 steht -neben anderen Fragen und gewollt oder nicht- die Frage der Militanz wieder auf der Tagesordnung. Vor dem Hintergrund einer langen und sich gleichförmig zu wiederholen scheinenden Debatte ergeben sich kaum wirklich neue Aspekte, also solche, die noch nie besprochen worden sind und dennoch findet die Debatte immer auch in einer bestimmten politischen Situation statt. In der Debatte fokussieren sich damit auch immer wieder politische Ansätze, deren Zielsetzung durch die „Gewaltfrage“, also die allgemeine Frage, ob Gewalt zu Durchsetzung politischer Ziele im Allgemeinen legitim oder nicht ist verdeckt werden.


In der Gegenüberstellung militante (Gegen-)Gewalt versus reformistische zahnlose Sitzblockade verkürzt sich eine Frage, die sich alle linken Projekte und Ansätze, seien sie auch noch so marginalisiert, stellen müssen: welche Idee politischer Veränderung wird verfolgt.

In der undogmatischen Linken hat sich schon vor Jahrzehnten das Credo durchgesetzt, dass unsere Politik eine Politik der ersten Person zu sein hat, also keine Vertretungsansprüche, keine Avantgardeansprüche, keine Besserwisserei.

Dabei ist aber genau dieses Credo eine schillernde Phrase, die Subjekt und Subjektivität ganz nah zusammenbringt.

In dieser Nähe steckt ein möglicher Konstruktionsfehler radikaler linker Politik: aus Mangel an revolutionären Subjekten, die in der antagonistischen Weltsicht von Kapital und Arbeit, Besitz und Besitzlosen zum konstituierenden Element einer emanzipativen Veränderung an sich werden, vermag Subjektivität diesen Mangel überdecken. Praktizierte Unversöhnlichkeit mit dem System oder seinen Repräsentanten inszeniert dabei den angesprochenen Antagonismus. In der Unversöhnlichkeit und der Bereitschaft das Gewaltmonopol des Staates offensichtlich durch eigene Gewalttätigkeit anzugreifen wird der Eindruck erweckt es gelinge damit Symbolhaftigkeit zu überwinden. Hierin wird ein Trugschluss offenbar, der Militanz auf der Strasse allzuoft in die Sackgasse führt: seltenst kann Militanz auf der Strasse über den Tag hinaus wirken. Damit ist nicht die mediale Wirkung und möglicherweise eine längere Präsenz in unseren Debatten gemeint. Nein, es ist die Wirkmächtigkeit der via Steinwurf auf die Vertreter der Staatsmacht zu erreichenden Ziele (diese mal vorausgesetzt) über den Tag hinaus  gemeint. An dieser Stelle werfen zum Beispiel die Aktivitäten am 18.03.2015 einige Fragen auf.

Eine weitere Ebene, die mit dem Subjekt und der Subjektivität verbunden ist, könnte so beschreiben werden: die Maximen und reglementierenden Verhaltsweisen und Einstellungen des eigenen Denkens und der eigenen Subjektivität erlangen eine wachsende Bedeutung und leisten identitären Innenbezügen einen starken Vorschub.

Aus den 80ern wird ja der Kalauer kolpotiert, mann sei durch die Strassen gezogen und hätten die Parole skandiert: wir haben Euch was mitgebracht: Hass, Hass, Hass!

Tja, das würde heute wahrscheinlich keiner mehr so sagen, aber im Kern ist die Haltung die gleiche geblieben. Es ging um die Selbstversicherung des „radikalen“, die Abgrenzung der Identität – es hat funktioniert, wir waren allein.

Die Konzentration auf die eigene Subjektivität führt auch auf einer weiteren Ebene in eine Handlungs-Sackgasse: die eigene Biographie.

Nur ganz ganz wenigen gelingt es ihre Unversöhnlichkeit mit dem System über die vielen Stationen eines Lebens zu retten. Stattdessen kommt es häufig zu einem Bruch und zwar eben nicht mit dem System, sondern dem Milieu, mit der radikalen Identität. Je radikaler dabei die eigene Identität gegenüber anderen abgegrenzt wird, desto schwieriger ist oft ein selbstkritischer Umgang mit der eigenen Radikalität, der diesen Teil der Biographie nicht abtrennt. Nicht umsonst sind in Deutschland radikale militante Bewegungen Jugendbewegungen.


Allzuoft -und dies wurde auch am 18.03.2015 praktiziert- steckt in Versuchen militante Auseinandersetzungen auf die Strasse zu tragen implizit die Ablehnung breitere Bündnisse mitzutragen und mitzugestalten. Die dann notwendigen Diskussionen um Absprachen und gemeinsame Veranwortungen werden als einengend empfunden und autonom gehandelt. Man könnte auch sagen bindungslos. Diese Bindungslosigkeit entbindet aber gleichsam von der Anbindung an andere und hier wird es interessant: wie verorten wir uns denn als versammlte Ichs in der Beziehung zu anderen?

Wir

In der Vergesellschaftungsbroschüre der interventionistischen Linken aus dem Jahr 2012 heisst es:

„Innerhalb der Gesellschaft besteht eine Vielzahl von Konflikten, die vereinzelt ausgetragen werden. Die Betroffenen sind somit leicht gegeneinander auszuspielen und die Vereinzelnung verstellt den Blick für die gemeinsamen Ursachen der Konflikte. Diese verschiedenen Konflikte zusammenzuführen und den verschiedenen Partikularinteressen eine gemeinsame Stimme zu geben, könnte die radikalen Perspektiven aus ihrer gesellschaftlichen Bedeutungslosigkeit heben und uns alle einem gesellschaftlichen Umbruch näher bringen.“

Hier wird doch recht genau die politische Perspektive beschrieben, die versucht aus den vielen Ichs, auch aus denen um uns herum etwas gemeinsames zu machen, einen kollektiven Handlungsansatz zu entwickeln.

Und dennoch: diese Perspektive beschreibt gleichzeitig das Dilemma zwischen den ins utopische reichenden Perspektiven und der ernüchternden Kleinarbeit der Konkretion.

Nur allzuoft scheuen radikale linke Positionen es, auf ganz konkrete Fragen des alltäglichen Lebens, beziehungsweise wie auf einer Tag-für- Tag-Ebene der Wirkmacht des Kapitalismus schrittweise zu entkommen sei. Aber genau hierin steckt letzendlich die Glaubwürdigkeit einer radikal linken Bewegung / Organisierung: in der Verbindung vom utopischen, sich in der Debatte entwickelnden Entwurf und den Antworten auf die Fragen und Zumutungen des Alltags.

Zurecht ist leichtestens einzuwenden, dass radikale linke Politik nicht mit der Herausgabe von Ratgebern zu verwechseln sei, dass nicht auf alle Fragen eine Antwort zu geben sei. Ja, das ist völlig richtig. Diesem zweiten Dilemma, der sich aus der Vielheit der Fragen, aber auch aus der Vielheit der zu gebenden Antworten (ob von uns oder von anderen) können wir nur entkommen, wenn wir zwei Instrumente benutzen:die Einigung auf Prioritäten und der Entwurf einer Mechanik der Beziehungen, die aus dem Status des Nebeneinanderhers von Kämpfen und Organisierungen eine kollektive Handlungsfähigkeit entwickelt.

Für die Frage der Prioritäten bedarf es einer strategischen Debatte, für die Entwicklung der Mechanik bedarf es Laboratorien, die von uns ausgewertet und weiterentwickelt werden.

Auf beiden Ebenen bedarf es konkreter Vorschläge, die diskutierbar sind, in denen aber Anschlusspunkte mitgedacht werden.

Voraussetzung ist und bleibt aber, die Bereitschaft der Ichs, sich in eine Beziehung zu anderen zu setzen und ein Wir anzustreben. Im ernsthaften Anstreben eines Wir ist dann auch die notwendige Bereitschaft enthalten eine einigende Debatte zu führen, also nicht den eigenen Standpunkt durchzusetzen, die eigene Sicht zur alles erklärenden zu machen, sondern vielmehr im Geiste der Partizipation ein konstituierender Teil zu sein.

Die Kunst wird darin bestehen, maßvolle Schritte auf dem Weg zu Prioritäten zu beschreiten und nicht vorschnell eine Fokussierung einzufordern. Es scheint nicht sinnvoll die eine Frage zur zentralen zu machen, sondern die zentralen Fragen zueinander in Beziehung zu setzen.

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